Mut zum Stillen
Am 06.April 1999 habe ich meine Söhne Marcel und Tobias
geboren. Marcel ist gesund und bei Tobias wurde das Down Syndrom
festgestellt. Nun war durch die Behinderung von Tobias alles anders, als
mein Mann und ich es uns vorgestellt hatten. Unsere heile Welt brach erst
einmal zusammen. Mein ganzes Wissen, wie ich erfolgreich stillen wollte,
und das ich mir durch Lesen des Stillbuches von Hannah Lothrop angeeignet
hatte, wurde durch das niedrige Geburtsgewicht unserer Söhne, unwichtig.
Denn die Beiden mussten im Krankenhaus bleiben. Das einzige, was ich für
sie tun konnte, war meine Milch abzupumpen, damit sie im Krankenhaus gefüttert
werden konnte. Marcel trank seine Portionen meistens problemlos. Tobias
war oft nach 15-20 ml völlig erschöpft und schlief ein. Am Tag konnten
wir die Kinder versorgen, es war anstrengend und nervenaufreibend.
Tobias immer wieder und immer wieder wecken, dann mal
wieder zu wickeln und dann immer wieder zu versuchen, ob er nicht noch ein
bisschen trinken konnte. Unser Ziel war, das Tobias selbst die Milch zu
sich nehmen sollte, auch wenn es mehr als eine Stunde dauerte, bis er 60
ml getrunken hatte. Sondiert ging es viel schneller, aber das sollte nicht
immer sein.
Auf einmal kam meine Wille wieder zum Vorschein, beide Babys zu stillen.
Obwohl es bei Tobias vergebens aussah, denn er trank noch nicht mal aus
einer Flasche mit großem
Loch im Sauger. Deshalb legte ich zunächst Marcel an. Im Krankenhaus war
es ungemütlich, denn der Raum war klein und mit vier bis fünf
Kinderbettchen einfach überfüllt. Gestresste Eltern und Schwestern drängten
sich dazuwischen und wollten zu den Kindern.
Leider erhielt ich von den Schwestern hierbei keine Hilfe oder Unterstützung,
weder wurde mir ein gesonderter Raum angeboten, noch half mir jemand beim
Anlegen oder nahm mich mal in den Arm, um mich zu ermutigen. Im Gegenteil,
es wurde mir vom Stillen abgeraten, denn die Beiden wären danach so erschöpft,
dass sie hinterher nicht mal mehr ihr Flasche trinken wollten. Später
wurde mir klar, dass ich in dieser Situation nur eine kleine Trinkmenge
von maximal 10 ml erreichte. Enttäuscht und deprimiert legte ich Marcel
nur noch ab und zu mal an, damit er wenigstens meine Nähe und das Gefühl
an meiner Brust zu sein, kannte. Ich glaubte überhaupt nicht mehr daran,
Tobias stillen zu können. Zum Glück gab es aber eine sehr nette
Schwester, die mir Mut machte, es dennoch zu probieren. Ich war so froh,
dass sie mir zuhörte und mich ermutigte. Sie erzählte mir, dass sie ein
Praktikum als Laktationsberaterin machte.
Nach einem Monat kamen Marcel und Tobias endlich nach Hause. Im
Abschlussgespräch ermahnte man uns noch, dass Tobias sich nicht melden würde,
wenn er Hunger hätte. Deshalb müssten wir ihm die genau abgemessenen
Trinkmengen zu festen Zeiten geben. Zu Hause konzentrierte ich mich zunächst
darauf, Marcel zu stillen und mein Mann übernahm zuverlässig die Fläschchenfütterung
von Tobias. Aber immerhin mit Muttermilch, die ich zwischendurch abpumpte.
Mit Marcel klappte es zu meiner Freude erstaunlicherweise nach einer Woche
so gut, dass wir bei ihm auf die Fläschchen verzichten konnten. Jetzt war
mein Ergeiz geweckt. Ich begann mit Tobias regelrecht zu üben. Vor und
nach dem Stillen habe ich ihn gewogen und dann die fehlende Milchmenge
abgepumpt und mit dem Fläschchen nachgefüttert. Aber das Stillen war mühsam
und manchmal so enttäuschend. Tobias nuckelte und leckte meist .nur an
meiner Brustwarze. Wenn er zufällig etwas fester saugte, ließ er schnell
los, vor allem wenn es spritzte. Immer wieder verbog er seinen kleinen Körper
wie ein Fragezeichen und überstreckte sogar den Kopf und zappelte herum,
er schrie und schlief erschöpft
ein. Verständlich, dass er nicht viel über die Brust bekam.
Es war sehr schwierig und ich habe sehr, sehr oft geweint und ich hatte
die Nase voll, Tobias anzulegen.
Aber weil Tobias aus der Flasche auch nicht besser trank, gab ich nicht
auf. Nach fast vier anstrengenden und Kräfte zehrenden Wochen begann
Tobias tagsüber besser zu trinken. Er lernte richtig anzusaugen während
ich ihn ganz fest im Arm liegen hatte. Wie stolz war ich, dass er nun
zwischen 40 - 60 ml bei mir trank. In der Nacht war das Stillen immer noch
besonders anstrengend. Denn dann waren wir Beide müde und konnten uns
einfach nicht konzentrieren. Tobias nuckelte, bog sich wie ein Flitzebogen
und wollte einfach nicht. Dann erbarmte sich mein Mann, denn ich war
entnervt und er fütterte mit dem Fläschchen.
Als Tobias 9 Wochen alt war, kamen wir unserem Stillziel plötzlich näher.
Ich brauchte für mein Nervenkostüm, dass ich das Wiegen und das ewige
zufüttern wegließ. Wir waren bei meinen Eltern zu Gast und Tobias
bewies, dass er sehr wohl merkt, wann er Hunger hat! Er schrie nach jeder
Stunde, denn länger hielt die Muttermilch nicht an, denn er trank noch
nicht so viel. Aber das war nicht so wichtig, wichtig war, dass er selbst
bestimmte, wann er Muttermilch bekam. Sehr glücklich legte ich ihn jedes
mal an und habe von diesem Tag nicht mehr vor und nach dem Stillen
gewogen. Ich habe keine weitere Milch abgepumpt und kein Fläschchen
nachgefüttert. Tobias trank recht gut, wenn er hungrig war und die
Nahrung selbst einforderte. Allerdings trank er im Vergleich zu Marcel
viel öfter, aber je routinierter wir wurden, desto mehr trank er pro
Stillmahlzeit und es hielt länger bis zur nächsten Stillmahlzeit vor. Er
nahm gut zu und auch die Ärzte sind zufrieden. Inzwischen gibt es, was
das Stillen anbelangt, keine Unterschiede mehr zwischen Marcel und Tobias.
Ich habe nun angefangen Beikost einzuführen, bislang haben sie alle 3 bis
4 Stunden bei mir getrunken.
Mit meinem Erfahrungsbericht möchten mein Mann und ich unbedingt allen
Eltern mit behinderten Kindern empfehlen, zu versuchen zu stillen und sich
nicht durch Schwestern oder Ärzte oder Familienangehörigen davon abraten
zu lassen. Mit anfänglichen Misserfolgen und Niederlagen müssen Sie
rechnen.
Heute weiß ich, dass das Stillen hilft die "Berührungsängste"
der Mutter zu Ihrem behinderten Kind abzubauen und eine eigene Nähe
entwickeln zu lassen. Vor allem der Hautkontakt und diese innige Beziehung
beim Stillen sind vor allem für ein behindertes Kind wichtig, fördern
seine Entwicklung. Beeindruckend ist, dass Tobias über die Muttermilch
viele, viele Abwehrstoffe gegen Infektionskrankheiten erhält, denn als
Down-Kind ist er besonders anfällig. Aber es hält sich in Grenzen. Es
sind zwei wunderbare Stillkinder, unsere Jungs.
Elisabeth und Rainer aus Aachen
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