LangzeitstillenNie hätte ich gedacht, dass ich unsere Tochter Anke ( 2. Kind) so lange stillen würde. Denn unsere erste Tochter habe ich nur einige Monate gestillt, ohne eigentlich näheres über das Stillen zu wissen. Völlig unbedarft stillte ich sie, bis ich durch an einer schweren Grippe erkrankte und über Spritzen und Tabletten abgestillt wurde. Als unsere Älteste die erste Flasche bekam, reagierte sie gleich auf das artfremde Eiweiß und erkrankte an Neurodermitis. Das war der Anstoß, weshalb ich mehr über das Stillen und seine Vorteile für Mutter und Kind wissen wollte. Je mehr ich erfuhr, umso klarer war mir, dass es so wie uns auf
keinen Fall anderen Familien gehen sollte. Heutzutage haben wir die
Neurodermitis gut im Griff und leben auch sehr gut damit. Aber mein Mann und ich wünschten uns noch ein weiteres Kind, auf das wir allerdings 10 Jahre warten mussten. Wir verloren zwei Kinder in der 17. und in der 19. SSW und mein Körper als auch unsere Herzen brauchten einfach Zeit, bis wir bereit waren, eine weitere Schwangerschaft anzugehen. In dieser Zeit half uns Hannah Lothrop mit ihrer hervorragenden Trauerarbeit sehr. Als aber endlich die vierte Schwangerschaft begann, war ich mir völlig sicher, dass ich dieses Kind unbedingt länger als die Schwester stillen würde. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, ich bekam Fieber nach der anstrengenden Geburt, begann unsere lange Stillbeziehung. Dass ich allerdings 30 Monate stillen würde, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Da unsere Ärzte eine Wahrscheinlichkeit von 90 % berechnet hatten, dass das Geschwisterkind ebenfalls an Neurodermitis erkranken würde, planten wir, sie ganz vorsichtig an die Beikost heranzuführen. Ich wollte das arteigene Eiweiß der Muttermilch nutzen und das Kind damit schützen. Deshalb stillte ich Anke 8 Monate voll, um sie dann nach und nach mit Hilfe des Arbeitskreises Allergiekrankes Kind in Herborn an die Beikost heranzuführen. Wie glücklich war ich, dass sie trotz sehr trockener Haut kein Problem mit dem endogen Ekzem hat. Da vergisst man im nachhinein die anstrengenden Stunden ihrer Wachstumsschüben, bei denen ich oft ziemlich erschöpft bei dem jeweiligen Stillmarathon war, wenn ich sie öfters anlegen musste und den Eindruck hatte, nur noch Brust zu sein. Aber mein Verstand und auch mein Herz sagten mir, dass ich zum Schutz dieses Kindes nicht einfach aufgeben durfte. Selbst als Stillberaterin kommt man als Mutter manchmal an die eigenen Grenzen und das ist auch gut so, denn so kann ich viel besser die Mütter verstehen und nachvollziehen, wo deren Stillprobleme sind. Ich hatte auch schon mal während der langen Nächte den kurzen Gedanken, ich kann nicht mehr, ich will dieses Kind nicht mehr stillen. Aber zum Glück waren es nur Sekundengedanken, nach denen ich mich aufrappelte und mit Hilfe von guten Stillbüchern selbst motivierte. Aber ich denke, auch das gehört dazu, dass ich als Mutter einfach nur mal Ruhe haben wollte. Unser Kind gedieh sehr gut und dass "nur mit Muttermilch" wie meine eigene Mutter und Schwiegermutter mit großen Erstaunen regelmäßig erwähnten, denn ich stillte ihnen einfach zu lange. Sie wollte doch unbedingt selbst den Löffel in den kleinen Kindermund stecken. Aber da war für 8 Monate lang eben nur die Brust! Den Großmütter fiel gar nicht auf, das es nach vier, fünf Monaten so einfach wurde. Ich konnte überall mit dem Kind hingehen, ohne wie ein mütterlicher Packesel ausgestattet zu sein (so kam ich mir bei meinem ersten Kind nach dem Abstillen vor), stets hatte ich die Muttermilch frisch und richtig temperiert dabei. Auch nachts war es einfach, ich stillte sie und irgendwann schlief sie wieder ein und ich auch. Mein Mann bedankte sich später einmal für die ruhigen Nächte, die wir ihm bereitet hatten, da wir nicht völlig müde aufstehen mussten, um ein Fläschchen zu erwärmen und abwechselnd zu füttern. Im Laufe ihres ersten Lebensjahres hatten wir drei Großen mehrfach Magen-Darm-Erkrankungen sowie Erkältungen und ich stillte dann oftmals mit Unterstützung meines Mannes weiter. Unser Stillkind blieb in unserem Krankenlager stets gesund. So geht es aber vielen langzeitgestillten Kindern! (Quelle: Gulick, 1986). Nach ihrem ersten Geburtstag fütterte ich auch Yoghurt und Quark aber nach wie vor keine Kuhmilch. Ihre Haut dankte es uns. Aber nun war doch wirklich der Zeitpunkt gekommen, endlich abzustillen, oder? Ich musste mir Vorwürfe aus dem Familienkreis wie: " das Kind wird absolut abhängig von Dir," "Du ernährst Dein Kind zu einseitig," "Die Muttermilch ist voller Schadstoffe, Du schädigst Dein Kind damit" und vieles mehr, anhören. Aber ich lies mich nicht stören, überzeugt davon, dass Richtige für die Kleine zu tun. Als sie 18 Monate alt war, verkauften wir auf einem großen Flohmarkt Babysachen, dort wollte sie auch gestillt werden. Ich setzte mich ein wenig separat und stillte sie. Plötzlich bemerkte ich eine junge Frau, die in unserer Nähe stehen geblieben war und uns zuschaute. Ich fragte sie, ob ich ihr helfen könnte. Sie verneinte und sagte, sie müsse einfach zusehen, wie ich stillte, denn ich sei die erste Europäerin, die sie sehen würde, die ihr Kleinkind in der Öffentlichkeit stillte. Es stellt sich im Gespräch heraus, dass sie Perserin war und selbst noch ein Kleinkind stillte. Wir hatte eine nette Unterhaltung und dabei erzählte sie mir, dass sie und ihre Freundinnen nur den Kopf schütteln würden über die modernen Europäerinnen, die nicht die Vorteile des Langzeitstillens kennen. Sie hatte Recht. Immer wieder musste ich in Diskussionen aufklären, welche Vorteile das Stillen eines Kleinkindes bietet. Selbst die WHO (Weltgesundheitsorganisation) und UNICEF (Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen) haben 1990 in ihrer gemeinsamen Erklärung der "Innocenti Declaration" ganz deutlich ausgesagt, dass es empfehlenswert ist, das Stillen mit entsprechender Beikost ab dem vierten oder sechsten Lebensmonat hinaus bis zu einem Alter von zwei Jahren und länger fortzusetzen. Diese Erklärung gilt nicht nur für Entwicklungsländer sondern auch für die Industrieländer. Meine Tochter hat im Alter zwischen dem 6. und dem 24. Lebensmonat eine Muttermilchmenge von durchschnittlich 500 ml getrunken. Sie hat somit einen großen Teil ihrer benötigten Kalorien, die sie in ihrem Alter brauchte, getrunken. Im Krankheitsfall konnte ich nach Einführung der Beikost die Milchmenge wieder steigern und sie dann wieder ausschließlich mit Muttermilch ernähren. Denn wenn sie krank war, verweigerte sie die feste Kost und wollte nur noch gestillt werden. Ich hatte somit die Gewissheit, dass sie genügend Flüssigkeit aufnahm und aber auch gleichzeitig alle wichtigen Nährstoffe. Als Beikost einführte, war die Muttermilch für sie nach wie vor die wichtigste Nährstoffquelle, die aber dann im Laufe ihres Heranwachsens von der festen Nahrung abgelöst wurde, aber kombiniert mit zusätzlicher Muttermilch Nahrung und Zuwendung zugleich für sie war. Mein Kleinkind hat aber auch im zweiten Lebensjahr einen hohen Energiebedarf über die Muttermilch gedeckt, nämlich über 31 %. Im Vergleich zu anderen Kinder in ihrem Alter bekam sie bei gleicher Nahrungsmenge 25 % mehr Energie als abgestillte Kinder. Ältere Stillkinder erhalten immerhin noch eine Energieversorgung über 17 % aus der Muttermilch. Ich war froh darüber, dass wir uns entschieden hatten, sie lange zu stillen, denn von unserer großen Tochter wusste ich noch, wie wenig Zeit sich ein Kleinkind fürs Essen nimmt, schließlich gibt es so vieles zu entdecken. Vielleicht denken Sie jetzt, weshalb benötigt ein kleines Kind so vielen Kalorien (= Energie). Aber die Kalorien in der Muttermilch sind keine leeren Kalorien. Diese Kalorien sind besonders qualitativ und bioverfügbar. Das bedeutet, dass alle gestillten Kleinkinder über diese Kalorien stets über die Muttermilch nach Bedarf verfügen können. Das Eiweiß in der Muttermilch ist verantwortlich für ein gutes Heranwachsen des Kindes und für seine Gehirnentwicklung und wird besonders gut absorbiert. Ein gestilltes Kleinkind deckt im zweiten Lebensjahr seine Eiweißbedürfnisse über die Muttermilch zu 38 %. Auch ganz viele Vitamine und Mineralstoffe sind in der Muttermilch enthalten. Das Vitamin A deckt im Kleinkindalter vollständig, also zu 100 % den Bedarf. Dieses Vitamin ist wichtig für die Augen. Auch nach dem Abstillen bleibt der Schutz erstaunlicherweise erhalten. An dieser Stelle muss ich nochmals erwähnen, dass meine Kleine kaum krank war und das auch weit über das 4. Lebensjahr hinaus. Zu verdanken ist es gewiss den hohen Dosis an Vitamin C, die sie über die Muttermilch erhielt. Beeindruckend ist, dass nach dem ersten Geburtstag die Konzentration des Vitamin C in der Muttermilch 3,3 mal höher vorhanden und verfügbar ist, als im Blutplasma einer stillenden Mutter. Sogar bei niedrigem Vitamin C Wert der Mutter erhalten die Stillkinder das Vitamin C angereichert über die Muttermilch und zwar sogar bis zu einer Konzentration vom 6 und sogar bis zum 12fachen. Eine solch hohe Dosis dieses Vitamins kann ein Kind über Gemüse, Früchte und mit Vitamin C angereicherter künstlicher Kindernahrung niemals aufnehmen. Mein Stillkind erhielt in ihrem zweiten Lebensjahr über die Muttermilch bis zu 50 % Eisen, Kalzium zu 44 %, Folsäure zu 26 % und Riboflavin zu 21 %. Das Eisen wird aus der Muttermilch zu 70 % absorbiert - im Vergleich dazu ist zu sagen, dass in der Kuhmilch 10 % Eisen enthalten ist - somit ist ein Stillkind oft zuverlässiger mit Eisen versorgt als ein nichtgestilltes Kind. Oder anders gesagt, es nimmt das Eisen einfacher auf, als ein nichtgestilltes Kind. In unserer Spielgruppe wurde mir als langzeitstillende Mutter auch vorgehalten, dass meine Tochter vermutlich sehr schlechte Zähne haben wird. Das Gegenteil ist der Fall. Die anderen Mütter vermuteten, dass vergleichbar mit einem Beruhigungsfläschchen, das ein Kind jederzeit selbst in Händen hält, das "Bottlemouth-Syndrom einträte. Bei einer Flasche ist es so, dass sie stets im Mund des Kindes tropft und sich das Getränk um die Zähne und um den Gaumen sammelt. Der Trinkprozess an der Brust ist aber tatsächlich ein anderer: hierbei gibt die Brust nur dann die Milch an das Kleinkind ab, wenn es aktiv saugt und die Brustwarze liegt viel weiter hinten im Mund des Kindes, dass heißt nicht an den Zahnleisten des gestillten Kindes. Allerdings habe ich sie nicht an der Brust nuckeln lasse, denn da befindet sich die Brustwarze tatsächlich an den Zahnleisten und vielleicht hätte dann der Milchzucker der Muttermilch doch möglicherweise Schaden angerichtet. Falls ein Stillkind an dem Bottlemouth-Syndrom erkrankt ist, muss geklärt werden, wie die weitere Ernährung des Kindes aussieht und was es außerdem trinkt. Wie werden die Zähne des Kindes gepflegt und wie steht es um die Zahnhygiene der Eltern. Als mein Stillkind etwa ein Jahr alt war, habe ich bestimmt, wann sie bei mir trinken durfte. Denn ich wollte in diesem Alter nicht permanent zur Verfügung stehen. Das hat sie akzeptiert und dadurch wurde es für uns bis zum Abstillen nach 30 Monaten eine sehr harmonische Stillzeit. Mein Wunsch war es auch, über das zweite Lebensjahr hinaus zu stillen, da in diesem Alter die Immunglobulinmengen einen Wert der IgA und IgG in der Höhe haben, die in der Neugeborenenphase existieren. Diese Immunglobulinmengen steigen im Alter von 6 Monaten an, da die Kinder sehr aktiv und mobil werden und mit vielen Keimen in Berührung kommen. (Quelle: Goldman, 1983) Die meisten Babys gehen dann auf Krabbeltour und brauchen viel Schutz, der über die Muttermilch erfolgen kann. Sogar bis zum einem Alter von 25 Monaten steigt der unspezifische anitmikrobielle Faktor "Lysozym" an (mit 1 Jahr ist er vergleichbar wie im Kolostrum = Neugeborenenmilch) und fällt dann erst allmählich ab. In 1 ml Muttermilch sind ca. 4000 lebende Zellen wie Lymphozyten und Makrophagen, die das Wachstum von Viren, Bakterien, Parasiten und Pilzen hemmen. Die Darmflora ist auch sehr gut gepflegt durch die Muttermilch und der Bifidusfaktor fördert tatsächlich das Wachstum des wichtigen Lactobazillus Bifidus, damit sich z.B. Staphylokken erst gar nicht ausbreiten können. Das heißt aber nicht, das langzeitgestillte Kleinkinder nicht erkranken. Aber aus den Erfahrungen in meinen Stillgruppen weiß ich, dass die Krankheiten oftmals abgeschwächter verlaufen. So fand ich in der Literatur folgende Hinweise auf die häufigsten Erkrankungen im Kleinkindalter: an Durchfällen erkranken im Verhältnis 35 Kinder, die mit der Flasche ernährt wurden zu 10 Stillkindern. an Mittelohrentzündungen erkranken im Verhältnis 95 Kinder, die mit der Flasche ernährt werden zu 10 Stillkindern. an Atemwegserkrankungen leiden im Verhältnis 23 Kinder, die mit der Flasche ernährt werden zu 10 Stillkindern. (Quelle: Studie von Cunninghamm, Kanada) Aber das Langzeitstillen hat auch für mich als Mutter
Vorteile. Einen möchte ich hier aber besonders erwähnen: laut
Forschungsberichten aus den USA ist das Brustkrebsrisiko um 43 % geringer
bei Müttern, die insgesamt 2 Jahre gestillt haben. Chinesischen
Untersuchungen besagen, wenn Mütter 6 Jahre gestillt haben (mehrere
Kinder) vermindert sich ihr Brustkrebsrisiko um sogar 60 %. Aber für mich der richtige Zeitpunkt des Abstillens
gekommen, als mein Kind 2,5 Jahre alt war. Elke Vogt
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