Theater in der NachtForscher fanden heraus: In der 36. Schwangerschaftswoche gleiten Babys aus dem Dämmerzustand in den Rhythmus von Wachen und Schlafen Von Ingrid Kupczik
Annas Vater mutiert allabendlich zum Bettvorleger: Er kauert vor den
Gitterstäben des Kinderbetts und betätigt alle zwei Minuten den
Schnurzug der Plüsch-Spieluhr: La-Le-Lu. Wenn er Glück hat, schläft
Anna, neun Monate alt, bei der zehnten Wiederholung der Melodie ein. Bei
Tim, noch kein halbes Jahr alt, ist es scheinbar leichter: Seine Mutter
stellt ihn im Tragekorb auf die Waschmaschine. Spülgang, dann Schleudern,
600 Umdrehungen pro Minute, und das Kind schlummert. Leider meldet sich
Tim im weiteren Verlauf der Nacht noch mindestens viermal. Der Trick mit
der Waschmaschine erlaubt sich dann wegen der Nachbarn nicht mehr. Folge:
Die Mutter ist fix und fertig.
Sie leidet am Schlafmangelsyndrom, wie die Mediziner diesen Zustand nennen, der mit Erschöpfung, Depression, Verzweiflung, Gewaltphantasien, aber auch Gliederschmerzen, Migräne und Übelkeit einhergehen kann. Rund 20 Prozent aller Mütter sind im ersten Lebensjahr des Kindes betroffen. Doch auch die anderen Eltern bleiben nicht verschont: Eine Studie am Kinderspital Zürich ergab, dass 70 Prozent aller Kinder im Alter bis zu zwei Jahren ihnen Eltern regelmäßig die Nacht zerpflücken. Im Alter zwischen sechs und sieben Monaten wachen rund 40 Prozent der Babys mindestens zweimal in der Nacht auf. Belastender als das Schlafdefizit empfinden die gestressten Eltern nur das triumphierende Flöten anderer Mütter: "Meiner schläft durch." Vom dritten bis fünften Lebensjahr stören immerhin noch 50 Prozent aller Kinder die Nachtruhe. "Die gesundheitlichen Folgen des Schlafmangels stellen eine ernst zu nehmende Belastung für das Gesundheitssystem dar", warnte unlängst der britische National Health Service. "Ausgeschlafene Mütter prügeln nicht so leicht", titelte das Fachblatt "Ärztliche Praxis" zum gleichen Thema. Warum schlafen einige Babys, kaum dass sie auf der Welt sind, friedlich sechs Stunden am Stück, andere dagegen melden sich alle zwei Stunden und weigern sich noch nach zwölf Monaten beharrlich, mit dieser Gewohnheit zu brechen? Fragen wie diese sind bisher nicht hinreichend erforscht. So viel scheint festzustehen: Das Schlafverhalten des Babys ist in seinen ersten Lebensmonaten biologisch determiniert. "Eltern können es nicht durch pädagogische Maßnahmen beeinflussen", sagt Dr. Ulrich Rabenschlag, Kinderpsychiater an der Universitätsklinik Freiburg und Begründer der dort eingerichteten "Kinderschlaf-Ambulanz", einer Beratungsstelle für Eltern, deren Kinder ihnen den Schlaf rauben. Die meisten vermeintlichen Schlafstörungen des Kindes, so die Erfahrung Rabenschlags, sind in Wirklichkeit Ausdruck seiner normalen Schlafentwicklung. Allein das Wissen um die Besonderheiten des Babyschlafs könne entscheidend dazu beitragen, diese anstrengende Zeit zu überstehen. Schlaf entwickelt sich im Mutterleib zirka ab der 36. Schwangerschaftswoche - vorher befindet sich der Fötus in einer Art Dämmerzustand. Nun aber beginnt der Wechsel von Schlaf- und Wachphasen. Sie sind nicht an Tag und Nacht gebunden und unabhängig vom Schlafrhythmus der Mutter. Beim Fötus besteht der Schlaf zuerst hundertprozentig aus REM-Schlaf. Dies bezeichnet Phasen schneller Augenbewegungen (REM: Rapid Eye Movements), in denen Träume entstehen. Gegen Ende der Schwangerschaft schläft der Fötus durchschnittlich 16 von 24 Stunden, nun besteht der Schlaf je zur Hälfte aus REM-Schlaf und erholsamem traumlosen Tiefschlaf. Zum Vergleich: Erwachsenen haben nur noch 20 Prozent REM-Schlaf, der Rest ist Leicht- und Tiefschlaf. Auch die Schlafrhythmen von Mutter und Kind unterscheiden sich deutlich. Beim Fötus und noch beim Säugling dauert eine Schlafphase 45 bis 50 Minuten, bei der Mutter dagegen 90 Minuten. Wenn Erwachsene einschlafen, gleiten sie relativ schnell in den Tiefschlaf, und erst am Ende jeder 90-minütigen Schlafperiode träumen sie. Für manche Säuglinge beginnt der Schlaf dagegen mit einem Traum, mit der Folge, dass sie Angst bekommen, sich aufregen, schreien. "Unser Kind wehrt sich regelrecht gegen den Schlaf", sagen dann die Eltern. Dieses Problem, so Experte Rabenschlag, löse sich mit fortschreitender Differenzierung des Gehirns innerhalb des ersten Lebensjahres von allein. Erst allmählich entwickelt das Baby einen erkennbaren Rhythmus von Wach- und Schlafphasen, langsam stellt es sich auf den Tag-Nacht-Wechsel ein. "In der zehnten Lebenswoche schläft das Kind erstmals nachts durch", erklärt Remo H. Largo, Professor für Pädiatrie am Kinderspital Zürich, in seinem Buch "Babyjahre" (Piper). "Durchschlafen" bedeute: sechs, maximal acht Stunden nacheinander schlafen. Ein Baby, um sieben Uhr zu Bett gelegt, meldet sich also im günstigsten Fall zur besten Tiefschlafzeit der Eltern um drei Uhr in der Früh. Der britische Schlafforscher Dr. Ian St. James-Roberts vom Institute of Education hat die Messlatte dagegen tiefer gesetzt: Nur zehn Prozent aller 12 Wochen alten Babys, so das Ergebnis seiner Studie, können fünf Stunden durchschlafen. Der Schlafbedarf bei Babys ist sehr unterschiedlich, aber individuell eine feste Größe. Einige kommen mit 12 Stunden am Tag aus, andere brauchen 20 Stunden. "Schläft ein Kind tagsüber viel, dann schläft es nachts umso weniger und umgekehrt", betont Professor Largo. "Viele Eltern überschätzen das Schlafbedürfnis ihrer Kinder", erklärt Annette Kast-Zahn, Psychologin und Co-Autorin des Buchs "Jedes Kind kann schlafen lernen" (Kast-Zahn/Morgenroth; O & P). Sechs- bis siebenmal pro Nacht wacht jedes Kind kurz auf, jeweils im Anschluss an eine Traumphase. "Durchschlafprobleme sind im Grunde genommen Wiedereinschlafprobleme", sagt Dr. Ulrich Rabenschlag, dessen Buch "So finden Kinder ihren Schlaf" (Verlag Herder, Freiburg) im Herbst auf den Markt kommt. Ein Baby müsse erst lernen, sich in den Schlaf fallen zu lassen. Die Eltern unterstützen den Lernprozess, wenn sie ihr Kind nicht auf dem Arm in den Schlaf wiegen, sondern es wach ins Bettchen legen - in der Umgebung, in der es auch nachts wieder einschlafen soll. Weitere Tipps der Experten: Ein strukturierter Tagesablauf mit festen Abläufen unterstützt die Entwicklung des Schlaf-Wach-Rhythmus
(c) Die WELT online Quelle: Die Welt - Online vom 04.03.2001
|
|
<StartSeite> <Akzente> <Beratung> <Wissen> <Produkte> <Lesenswert> <Kontakt> <Newsletter> © Elke Vogt, "ichstille.de" 2000 - 2002 - Anregungen und Ideen an info(at)ichstille.de Auszüge und Verlinkungen nur nach schriftlicher Genemigung durch die Autoren |