Mit dem Baby zusammen schlafen (1/4)
von John Seabrook
Und auf welcher Seite stehen bzw.
schlafen Sie? Der Autor und seine Frau forderten die Experten heraus.
Ich bin ein Co-Schläfer, das heißt,
meine Frau und ich schlafen zusammen mit unserem 10 Monate alten Sohn in
einem Bett und das seit seiner Geburt. Damit befinden wir uns im Gegensatz
zum jüngsten Erlass der Bundesregierung über Co-Schlafen, der besagt,
dass Eltern niemals mit Kindern zusammen schlafen sollten, die jünger als
2 Jahre sind. "Schlafe nicht mit deinem Baby zusammen oder leg es zum
Schlafen in ein Erwachsenenbett", erklärt Ann Brown, Vorsitzende der
Kommission für Verbraucher- und Produktsicherheit der Vereinigten
Staaten, bei Bekanntgabe der Ergebnisse einer von ihrer Agentur
finanzierten und in Archives of Pediatrics and Adolescent Medicin
veröffentlichten achtjährigen Studie. Nach einer weiteren Nacht mit
unserem Kind im Bett wunderte ich mich als Co-Schläfer über ihre
Bemerkungen in der Zeitung. Was hat Schlafen mit Verbrauchern und
Produkten zu tun? Schlaf ist einer der geheimen Kanäle, über den Eltern
mit ihren Kindern kommunizieren – stets unter der Aufsicht, so hofft
man, des Handels und der Regierung. Die Kommission für Verbraucher- und
Produktsicherheit ist eine Bundesagentur, die sich im Schnittpunkt dieser
Interessen befindet.
Als Vater stand ich obengenannter Erklärung
ambivalent gegenüber. 10 Monate zuvor – am anderen Ende des langen,
dunklen Tunnels der Schlaflosigkeit, den junge Eltern durchschreiten –
war ich ganz und gar gegen das Co-Schlafen. Wäre die Studie damals
greifbar gewesen, ich bin mir sicher, ich hätte sie als Gegenargument in
der Diskussion benutzt, die ich mit meiner Frau darüber hatte, wie wir
unser Baby zum Schlafen bringen sollten. Wie viele Väter mochte ich die
Idee nicht, mit unserem Baby zusammen zu schlafen. Schließlich hatten wir
ein Schlafzimmer für unseren Sohn vorbereitet und mit sicherheitsgeprüften
Produkten ausgestattet. So fand ich, er solle es auch benutzen. Aber ich
hatte keine wirkliche Wahl. Wo das Baby schlief, entschied meine Frau. Und
sie war für das Co-Schlafen. Vaterschaft bedeutet eine Menge neuer
Verantwortungen. Die meisten davon sind leicht zu akzeptieren; schwer zu
akzeptieren ist dagegen die Zweitrangigkeit bei den wesentlichen
Erziehungsfragen. Zunächst widerwillig fügte ich mich dem Familienbett
und nach und nach änderte sich meine Einstellung zum Co-Schlafen. Was an
dem Bericht der Kommission so besonders unangenehm ist, ist die Tatsache,
dass Amerikaner in Erziehungsfragen so autoritätsgläubig sind. Und
Schlaf ist von allen Fragen, die junge Eltern beschäftigen, die
komplexeste. Eine 1995 in der Bostoner Region von Sara Harkness, Charles
Super und Constance Keefer durchgeführte Studie fand heraus, dass mehr
Eltern nach einem Rat suchen, wie sie ihre Kinder zum Schlafen bringen können,
als zu irgendeinem anderen Thema aus den Bereichen Gesundheit und
Verhalten. Wissenschaft, Kultur und Geschlechterpolitik, alles spielt eine
Rolle in der Diskussion – es ist schwierig genug, über diese Dinge
nachzudenken, selbst wenn man ausgeruht ist, aber erst recht unter
Schlafentzug.
Die wissenschaftliche Grundlage der
Studie der Kommission für Verbraucher- und Produktsicherheit ist sehr
schwach. Die Position der Agentur basiert auf einer einzigen Umfrage,
durchgeführt von Dr. Suad Nakamura über einen Zeitraum von acht Jahren.
Es wurden 515 Säuglingstodesfälle in U.S.-amerikanischen Elternbetten
festgestellt, wobei 121 durch Überrollen verursacht wurden – ein
Elternteil rollt über das Baby – und die anderen durch Überdecken mit
Bettzeug (Wasserbetten waren die Ursache für 79 Todesfälle). Es wurde
kein Versuch unternommen, die relative statistische Signifikanz dieser 515
Todesfälle zu ermitteln – so ergibt sich ein Durchschnitt von 64 pro
Jahr – bei 3,9 Millionen Geburten jährlich in den Vereinigten Staaten.
Wenn für die Entscheidung, wo ein Baby schlafen sollte, aber ausschließlich
das Wohlergehen des Kindes ausschlaggebend sein sollte, bedeutet die
Studie, dass das Co-Schlafen etwas sicherer ist, als das Baby allein
schlafen zu lassen. 1997 starben in Amerika 2705 Babys am plötzlichen
Kindstod (SIDS), weit mehr als die 515 Säuglinge, die über den Zeitraum
von 8 Jahren in den Betten ihrer Eltern starben. Die meisten SIDS-Babies
sterben während sie allein in ihrer Wiege schlafen. Eine Serie von
Untersuchungen, durchgeführt von James J. McKenna, Anthropologe an der
Notre Dame Universität, weit darauf hin: "Einsamkeit kann in
Verbindung mit Defiziten des Säuglings das SIDS-Risiko erhöhen".
Vermutlich tritt SIDS auf, wenn das Baby in einen solch tiefen Schlaf
sinkt, dass es aufhört zu atmen; hat es dann den Herzschlag und das Atmen
der Mutter in der Nähe, startet das Atmungssystem des Babys erneut. Tatsächlich
schlafen 90% der Eltern in der Welt mit ihren Kindern. "Wenn du ein
Baby hast," sagt McKenna, "schlaf nahe bei ihm."
Wie immer schließt sich das linke
Augenlid des Babys zuerst. Es könnte auch nur ein Blinzeln sein, aber nun
fällt auch das zweite Augenlid zu, auf jeden Fall schwerer als bei einem
Blinzeln. Die Muskeln um das Kinn herum entspannen und der Kopf senkt sich
seitwärts. "Schlaf Baby", flüstere ich, "schlaf
ein." Aber sobald ich beginne, nur die kleinste Bewegung zu machen,
um aufzustehen und das Baby in die Wiege zu legen, erschrickt es. Seine
Arme fliegen hoch, seine Finger greifen ängstlich in die Luft und seine
Augen öffnen sich, als würden sie ein furchtbares Bild und bestimmt
nicht den süßen bunten Clown namens Sandmann anstarren.
Verdammt.
Es ist ja nicht so, dass er gar nicht
schläft. Das Problem ist, dass er nicht schläft, wenn wir schlafen. Mit
drei Monaten ist das Baby ein Mehrphasen-Schläfer, das heißt, dass es in
24 Stunden sechs oder sieben Mal schläft, ohne zwischen Tag und Nacht zu
unterscheiden. Seine Eltern sind Einphasen-Schläfer, die es gewohnt sind,
in der Nacht sieben bis acht Stunden am Stück zu schlafen. Die erste große
Herausforderung, mit der alle Eltern konfrontiert werden, ist, den kleinen
Sprösslingen beizubringen, was Erwachsene unter Schlaf verstehen. Schlaf
ist der Anfang von Kultur – unser erster Versuch, unsere
Lebensgewohnheiten an unsere Kinder weiterzugeben. Schlaf ist aber außerdem
der Anfang moralisierender Urteile über beide, das Baby (Jeder will
sofort wissen, ob es gut oder schlecht schläft) und, eher prüfend, über
die eigenen Fähigkeiten als Elternteil. Schlaf, oder eben der Mangel
daran, ist ein Zeichen unserer Fähigkeit, für Zufriedenheit und Frieden
zu sorgen. Der Schlaf scheint auf eine Art Dinge klar auszudrücken, wie
das Schreien und Murren und Gurren des Babys es nicht vermag, vielleicht,
weil der Schlaf einer der wenigen Zustände ist, die wir gemein haben. Er
ist eine universelle Sprache, die wir auf einer Ebene teilen, die tiefer
ist als Worte.
Meine Frau kommt aus dem Schlafzimmer,
regelrecht taumelnd vor Schlafmangel. Sie hört das Meckern des Babys und
meint, es sei das "müde" Schreien, im Gegensatz zu seinem
hungrigen oder schmerzerfüllten Schreien. Ich sage: "Er ist nicht müde.
Wir sind müde. Das ist das Problem."
Sie streckt ihre Arme aus, was bedeuten
soll: Gib‘ ihn mir, ich werde ihn zu Bett bringen. Ich sage,
"Warte." An diesem Punkt war ich immer noch der Meinung, Kinder
gehörten so früh wie möglich in ihr eigenes Bett, damit sie lernen können,
allein einzuschlafen, auch wenn das bedeutet, sie in ihrer Wiege schreien
zu lassen, bis sie selbst merken, dass es ihnen gut geht. Um uns herum auf
dem Sofa, wo wir mit dem Baby sitzen, stapeln sich die Elternbücher, aus
denen ich mein Argument gegen das Co-Schlafen gezogen habe: Benjamin
Spocks "Baby and Child Care", T. Berry Brazeltons
"Touchpoints", Burton L. Whites "The New First Three Years
of Life", Arlene Eisenbergs "What to Expect the First Year"
und Penelope Leachs "Your Baby and Child". Meine
Schwiegermutter, die während der ersten Monate bei uns lebte, wunderte
sich, warum wir uns mit all diesen Büchern herumschlugen. Aber wir
neigten dazu, mehr den Büchern zu vertrauen als den Familienmitgliedern.
Großmutter wird geschätzt für ihre Liebe und ihre Bereitschaft, das
weinende Baby zu halten, aber ihre Methoden sind uns suspekt, basieren sie
doch auf Tradition und nicht auf Information.
Spock sagt, man solle nicht länger als
6 Monate mit dem Baby gemeinsam schlafen, wenn man nicht möchte, dass das
Baby jahrelang bei einem schläft. "What to Expect" empfiehlt,
es in seiner Wiege allein zu lassen und so lange schreien zu lassen, wie
man es aushält, eine Stunde oder länger. "In unserer
Gesellschaft" schreibt Brazelton, "zeugt es von Selbständigkeit,
wenn man als Kind allein schlafen kann. White schreibt ominös, "Man
kann es natürlich tun" – also Co-Schlafen – "aber ich kann
ihnen dann nicht bei den Komplikationen helfen, zu denen diese Methode gewöhnlich
führt." Auch Leach, die liberalste der bedeutenden Experten (und die
einzige Frau), billigt kein Co-Schlafen: Wenn dein Baby, sagen wir, drei
oder vier Monate alt ist, ist es vernünftig, es ab und zu allein
einschlafen zu lassen, damit es weiß, wie das geht. Leach weist darauf
hin, dass du, wenn dein Kind zum Einschlafen deine Nähe braucht, mit ihm
schlafen gehen musst bzw. es auf deinem Schoß oder neben dir auf dem Sofa
schlafen haben wirst, bis du bereit bist, zu Bett zu gehen.
Klingt logisch, finde ich, aber meine
Frau war voll des Misstrauens gegenüber den vorwiegend männlichen
Gesetzmachern der Kindererziehung. Sie nimmt diesen Autoritäten übel,
dass sie versuchen, sie davon abzuhalten, nach ihrer Intuition zu handeln,
und das heißt, das Kind im Bett in den Schlaf zu stillen. Für sie war
diese Synode von Experten, die in ständiger Sitzung auf unserem
Kaffeetisch versammelt waren, ein Lehrbuch-Beispiel für
"Hegemonie".
Die Co-Schläfer haben auch ihre
Literatur, und wir besitzen den größten Teil davon: "The Family
Bed", ein Betty Friedan-ähnliches Manifest aus den 80ern von Tine
Thevenin, einer Hausfrau und Mutter (und einem Klappentext von Jane
Goodall, in dem es heißt: Die westliche Gesellschaft liegt falsch, wenn
sie ein soziales Tabu daraus macht, wenn Kinder bei ihren Eltern
schlafen). "The Womanly Art of Breastfeeding" von der La Leche
League International, die Stillen befürwortet und außerdem eine
Brutstätte für Co-Schläfer ist; und "Nighttime Parenting" von
Dr. William Sears, einem Kinderarzt aus San Clemente. Sears, ein Christ
mit interessantem Charakter, der eine Form des Schlafens unterstützt, die
die meisten christlichen Autoren, die über Kindererziehung schreiben,
ablehnen. Zusammen mit seiner Frau Martha Sears, einer La Leche
League-Leiterin, zog er 8 Kinder in einem 2m- Bett groß.
Sein Buch ist dort überzeugend, wo er
das Familienbett als Teil einer größeren Philosophie, nämlich des
Attachment Parenting beschreibt. Attachment Parenting ist ein
Erziehungsansatz, bei dem eher die Einheit der Familie und nicht die
Selbständigkeit des Kindes im Vordergrund der Erziehung steht. Aber es
gibt einen gewissen New-Age-Beigeschmack in Sears Arbeit, der meiner
Nach-Sechziger-Sensibilität unangenehm auffällt. Wenn er beispielsweise
im Rahmen seiner Theorie beschreibt, wie Sleep-sharing, also gemeinsames
Schlafen, das endokrine System von Mutter und Kind synchronisiert, fällt
ihm dafür kein besseres Wort ein als "hormonisch".
Keine einzige der Autoritäten der
Anti-Familienbett-Seite nennt einen wirklich zwingenden Grund, warum
Kinder allein schlafen sollten, abgesehen von der Bequemlichkeit der
Eltern. Die meisten erklären lediglich, dass es wichtig für Babys wäre,
allein zu schlafen, um ein Gefühl der "Unabhängigkeit" zu
entwickeln. Aber Unabhängigkeit ist stets ein unsicherer Begriff:
Bedeutet er Autonomie und Selbstsicherheit oder Einzelhaft? Und, wie die
Befürworter des Familienbetts betonen, allein Schlafen kann auch
bedeuten, dass aus der Abhängigkeit von den Eltern eine Abhängigkeit von
Gegenständen im Kinderbett, wie Schnuller, Decke, Teddybär oder
Teletubby, wird.
Gibt es einen echten wissenschaftlichen
Beweis dafür, dass der Schlafort des Babys für seine Zukunft von
Bedeutung ist? Eine 1996 von der Universität Michigan durchgeführte
Studie zeigt, dass Kinder, die alleine schlafen, seltener aufwachen als
jene, die bei ihren Eltern schlafen. Andere Studien legen nahe, dass
Mütter und Babys, die zusammen schlafen, schließlich einen ähnlichen
Schlafrhythmus entwickeln, weshalb sie dazu neigen, sich gegenseitig
aufzuwecken: Sie sind zur gleichen Zeit in einer Phase leichten Schlafs.
Das ist zwar interessant, aber beide Studien geben keine Antwort auf jene
Frage, die ich als Elternteil gern beantwortet hätte. Und die lautet: Wie
beeinflussen die frühen Schlafgewohnheiten meines Kindes seine
Aufwachgewohnheiten als Erwachsener? Wird es jemals erholsamen Nachtschlaf
bekommen, pünktlich bei der Arbeit sein oder Termine einhalten, wenn wir
ihm nicht jetzt die Regeln des Schlafs beibringen?
Wenn ich meiner Frau das putzmuntere
Baby reiche, frage ich: "Und was ist, wenn er mit fünf Jahren immer
noch bei uns schläft?"
Und sie antwortet: "Na wenn schon?
Ich habe bei meinen Eltern geschlafen, bis ich mindestens fünf war."
Was? Das öffnet mir die Augen: Ich habe
einen Co-Schläfer geheiratet. Ich selbst stamme nicht aus einer Familie,
in der die Kinder im Familienbett mit den Eltern schliefen. Ich wurde in
mein Kinderbett gelegt und mehr oder weniger allein gelassen, um mich
selbst zu beruhigen. Aber ich wollte im Bett meiner Eltern schlafen, und
ich erinnere mich an die wohlige Wärme und das Gefühl der Sicherheit,
die ich bei den seltenen Gelegenheiten empfand, an denen es vorkam. Aber
mein Vater stellte klar, dass er es nicht besonders toll fand, mich im
Bett zu haben. Mit drei Jahren wurde ich "zu alt für sowas".
Von nun an wurde ich zu einem sogenannten "headbanger", ich ging
auf alle Viere und schlug den Kopf immer gegen den Kopfteil meines Bettes.
Das war beruhigend, wie Punk Rock sechzehn Jahre später.
weiter mit Teil 2/4
[ Zurück ] [ Weiter ]
|